Turmbau zu Heumarkt

Dresden und Wien haben auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam. Auf den zweiten schon. Bei beiden Städten spielt der viel zitierte Canaletto-Blick eine Rolle. Also jene Perspektiven, die auf Gemälden von Bernardo Bellotto, genannt Canaletto, zurückgehen: Dresden vom rechten Elbufer unterhalb der Augustusbrücke; in Wien der Blick vom oberen Schloss Belvedere auf die Innenstadt. Es gibt noch eine Gemeinsamkeit: Beide Städte hatten beziehungsweise haben Ärger mit der Unesco. Das Dresdner Elbtal musste seinen Status als Weltkulturerbe bereits abgeben*. Wien droht ein ähnliches Schicksal.

Stein des Anstoßes ist ein Wohntraum am Heumarkt zwischen dem in die Jahre gekommenen Intercontinental Hotel und dem Eislaufverein. 66 Meter hoch. Unten ein paar Büros, oben jede Menge und bis zu 19.000 Euro pro Quadratmeter teure Luxuswohnungen. Dieses Vorhaben des Investors Michael Tojner mit seiner Firma Wertinvest erhitzt seit Jahren die Gemüter.

Diese Woche entscheidet sich, wohin die Reise geht. Am 1. Juni stimmen Wiens Abgeordnete über die Flächenwidmung des Areals ab. Im Vorfeld waren immer mehr Daumen nach unten gegangen: In einer Urabstimmung haben die Wiener Grünen das umstrittene Bauprojekt zur Neugestaltung des Heumarkt-Areals abgelehnt. Die Parteispitze der Grünen steht dennoch hinter dem Vorhaben.

Wo fängt die Schutzzone der Unesco an, welche Sichtachsen werden beeinträchtigt und was hat es mit dem Canaletto-Blick auf sich? Ein Video, das News gemeinsam mit der Rechercheplattform Dossier erstellt hat, gibt Antworten auf diese Fragen.

Ein Ruf steht auf dem Spiel

Keine Frage, der Wiener Eislaufverein und das 1964 eröffnete Hotel Intercontinental sind mittlerweile in die Jahre gekommen. Doch bei diesem Projekt geht es um weit mehr als nur optische Kosmetik und ein weiteres Hochhaus in Wien. Es geht auch um den Status Weltkulturerbe, der mit der Realisierung des Bauprojekts auf dem Spiel steht. Seit 2001 steht das historische Zentrum von Wien unter Schutz der Unesco. Folglich müssen von der Stadt Wien und der Republik Österreich als Vertragspartner gewisse - wohlgemerkt gemeinsam vorab aufgestellte - Spielregeln rund um Höhen und Sichtachsen innerhalb eines historischen Ensembles eingehalten werden. Im konkreten Fall heißt das: Der geplante Wohnturm am Heumarkt, der sich innerhalb der Schutzzone befindet, darf auf Empfehlung der obersten Hüter von Kulturdenkmälern nur 43 Meter statt der aktuell geplanten 66 Meter hoch sein. Oder anders ausgedrückt: Er muss sich an bereits bestehenden Gebäuden wie dem rund 40 Meter hohen Hotel Intercontinental orientieren. 

Noch vor der Abstimmung im Gemeinderat hat die Unesco ihre Drohung erneuert, Wiens historische Altstadt in die „Rote Liste“ des derzeit gefährdeten Welterbes zu empfehlen. 55 Stätte stehen derzeit auf dieser Liste. Manche jahrzehntelang, wie etwa seit 1982 die Altstadt und die Stadtmauern von Jerusalem. Eine tatsächliche Aberkennung des Status Weltkulturerbe ist nämlich eher die Ausnahme: 2007 wurde ein Naturschutzgebiet im Oman von der Liste gestrichen; 2009 das Dresdner Elbtal, das Canaletto einst malte.

*Erratum: An dieser Stelle schrieben wir fälschlicherweise, dass Dresden der Status des Weltkulturerbes aberkannt wurde. Es handelte sich jedoch nicht um die Stadt, sondern um das Dresdner Elbtal.