Lost in Translation

Lukas ist nervös, gleich trifft er Doris. Um die gebürtige Kroatin zu beeindrucken, will der Wiener sie mit ein paar Phrasen in ihrer Muttersprache überraschen. Kurz vor dem Treffen, zückt er sein Handy, startet die „Wiener Sprachen App“ und gibt den Satz „Du hast ein schönes Lächeln“ ein. Die App spricht ihm das Kompliment auf Kroatisch vor. Als Doris vor ihm steht, hat er den Satz aber wieder vergessen. Peinlich berührt zückt Lukas erneut sein Handy. Doris lächelt: Sie hat mit derselben App geübt.

Teure Inseratenkampagne der Stadt Wien

Dass zwei Jugendliche bei einem Date zufällig gleichzeitig zur Sprachen-App der Stadt Wien greifen, ist in der Realität unwahrscheinlich. Nicht so im Werbespot, den es auf der Website der Stadt zu sehen gibt. Er ist Teil einer umfangreichen Werbekampagne der Stadt Wien. Inserate in fast allen großen Wiener Tages- und in etlichen Wochenzeitungen machen zurzeit darauf aufmerksam: „Miteinander reden & Deutsch lernen – mit der Wiener Sprachen App“. 630.000 Euro gibt Wien dafür aus. 

Inserate 16 Mal teurer

Zum Vergleich: Die Entwicklung der App beziffert die für Integration und Diversität zuständige Magistratsabteilung 17 mit lediglich 40.000 Euro. Die Werbekampagne ist also knapp 16 Mal so teuer. Immer wieder steht die Stadt Wien wegen ihrer hohen Inseratenausgaben in der Kritik: „Warum mit mehr als einer halben Million Euro eine Homepage beworben wird, die ,Hausmasta‘ auf Wienerisch aussprechen kann, ist nicht nachvollziehbar“, sagt Beate Meinl-Reisinger, Landessprecherin der Neos in Wien.

Tatsächlich ist die Kampagne der Stadt zweifelhaft. In den meisten Inseraten wird die App etwa ausschließlich auf Deutsch beworben – erreicht man so Migranten und Flüchtlinge, die die MA 17 „beim Erlernen der deutschen Sprache“ unterstützen will? Für Ursula Struppe, Leiterin der MA 17, sollen App und Kampagne „generell kommunikationsfördernd“ sein: „Neben Ämterphrasen und schulischen Phrasen soll die App auch Sprachen mit geringerem Sozialprestige nützen“, sagt Struppe.

Wenn es darum ginge, die Akzeptanz von sozial unterrepräsentierten Sprachen zu erhöhen, dann müsse die Werbung in die Breite gehen, sagt Medien- und Kommunikationswissenschaftler Matthias Karmasin von der Universität Klagenfurt. Wenn es aber darum gehe, die „Wiener Sprachen App“ zu bewerben, hält Karmasin die breite Streuung der Kampagne für „wenig sinnvoll“.

630.000 Euro: Deutschkurse für 210 Menschen

Dienen die Ausgaben von 630.000 Euro Steuergeld also dazu, Kommunikation generell zu fördern oder dazu konkret die Sprachen-App beliebter zu machen? Lediglich 369 Menschen nutzten laut MA 17 im September 2016 das Online-Wörterbuch der Stadt. Kein Wunder: Die App gleicht vorhandenen Übersetzungs-Websites und Apps wie etwa Google Translate, weshalb auch die Puls-4-Polit-Satire-Sendung „Bist Du deppert“ die App in einem Beitrag aufgreift.

Um die Sprachkenntnisse von Migranten zu verbessern, gibt es jedenfalls direktere Wege: Um einen Deutschanfänger auf Stufe B-1 zu bringen, das entspricht in etwa Maturaniveau, sind laut Auskunft der MA 17 ungefähr 600 Unterrichtsstunden nötig – pro Schülerin oder Schüler kostet das rund 3.000 Euro. Mit den 630.000 Euro Werbeausgaben hätte man also Deutschkurse für fast  210 Menschen finanzieren können - oder man startet eben eine große Inseratenkampagne.